In meiner Praxis treffe ich nennenswert häufig Selbstzweifel bei Führungskräften an. Auch in meinen Seminaren zu Persönlichkeitsentwicklung kommt dieses Thema immer wieder hoch. Manchmal liegen dahinter Zweifel am Unternehmen. Manchmal ist es die Frage nach der Eignung für eine Führungsrolle, oft auch temporär, wenn gerade parallel im privaten Umfeld eine zusätzliche Belastung auftritt. Und manchmal geht es um die Passform der Aufgaben.
Kürzlich diskutierte ich mit einem Klienten seine Frage, ob er wohl „das Zeug dazu hätte“, noch eine Ebene weiterzukommen und Vorstand in seinem Unternehmen zu werden. Er hat erfolgreich und mit Bravour die letzte Beförderung zum Bereichsleiter gemeistert und ausgesprochen und wiederholt positives Feedback erhalten. Über seine Selbstzweifel kamen wir auf die Diskussion, ob genau diese Zweifel alleine schon dagegensprechen könnten, dass er „das Zeug zum C-Level“ hätte, was auch immer das wäre.
Die Gretchen-Frage bei Auswahlprozessen
Als ehemalige und langjährige Headhunterin habe ich viele Beobachtungen zum Thema Selbstzweifel, ihre Bedeutung und vor allem auch ihre Wirkung auf andere machen können und behaupte, dass Selbstzweifel oder die Frage, wieviel Selbstüberzeugung ich nach außen bringen kann, in vielen Prozessen eine spielentscheidende Kernfrage ist. In unzähligen Assessment Centern, die ich begleitet und oft auch selbst konzipiert habe, um passgenau Kandidaten auswählen zu können, ging es um die Gretchen-Frage: Reicht das Potenzial des Kandidaten für genau diese Aufgabe? Dabei stellt sich die Herausforderung, dieses Potenzial belastbar zu testen und im Vergleich mehrerer Kandidaten einzuordnen, die relevanten Signale richtig zu gewichten und daraus die entscheidenden Kriterien abzuleiten – also letztlich zu klären, was genau das „Zeug für eine bestimmte C-Level-Position“ ausmacht.
Auch in späteren Karrierephasen ist die Selbstüberzeugung eine der wichtigsten Qualitäten. Sie sorgt maßgeblich dafür, dass Führungskräfte Erfolge haben in der Gewinnung von Kunden, Mitarbeitern und Stakeholdern. Selbstzweifel haben eine schlechte Lobby, denn sie werden gerne als Schwäche interpretiert.
Eigenes Potenzial erkennen und Hinweise von außen lesen
Heute im Coaching arbeite ich mit meinen Klienten an der spannenden Frage, wie man sein vorhandenes Potenzial selbst erkennen und im Coaching ergänzen und aufbauen kann. Das ist für mich als Executive Coach immer noch eine wirklich komplexe Frage. Denn selbst nach meinen Jahrzehnten der Beschäftigung mit Erfolgsfaktoren in der Karriere, nach zahllosen Auswahlprozessen und Coaching Sequenzen bleibe ich dabei: Wir können jedem Menschen nur bis vor die Stirn schauen und jede noch so gute Diagnostik kann nicht abschätzen, wie Verhalten sich entwickeln wird. Es bleibt schwierig zu prognostizieren, wer eine bestimmte Position erfolgreich und nachhaltig ausfüllen wird.
Gleichzeitig gibt es valide Signale, die Hinweise geben. Im Headhunting heißt es übrigens: Der gezeigte Wille der Kandidaten ist mehr als die halbe Miete. Und dieser Wille äußert sich in Bewerbungsgesprächen durch Engagement und die Leidenschaft, die gespiegelt wird über die Art, wie initiativ jemand in allen Stufen des Prozesses ist und schon im Gespräch in die künftige Rolle eintauchen kann. Nicht zuletzt spielt beim Willen und der Wirkung auch die Lust am Gestalten eine Rolle, die sich im Gespräch erkennen lässt.
Selbstzweifel als Chance sehen
Selbstzweifel gehören übrigens durchaus zu diesen positiven Signalen. Ich habe gelernt, Vorsicht vor verbalen Alleskönnern und vor von sich selbst überzeugten Überfliegern walten zu lassen, deren Selbstvertrauen an Hybris grenzt. Und Vorsicht ist auch vor denen geboten, die hauptsächlich ihre bisherige Position hinter sich lassen wollen und dafür alles versprechen.
Mit meinem Klienten habe ich zum Thema Emotionen als beste Signalgeber gesprochen. Und dass es manchmal eine Umdeutung einer eigenen Interpretation braucht. Gerade kürzlich erst gab es für mich eine Umdeutung durch einen Satz, der wie ein Zaubersatz für mich wirkte. Seit Jahren empfiehlt mir mein Orthopäde eine Operation, um vorausschauend weniger Probleme mit einem Gelenk zu haben. Das verstehe ich und gleichzeitig habe ich jede Menge Angst vor dieser OP. Bei meinem letzten Besuch sprach ich diese Angst an und er meinte: „Angst zeugt von Sachverstand“.
Selbstzweifel zeugen auch von Sachverstand
Und Selbstzweifel zeugen eben auch von Sachverstand! In meiner Überzeugung braucht es Selbstzweifel vor der Übernahme von wichtigen Positionen geradezu, denn sie zeugen vom Respekt vor der Aufgabe auf Toplevel oder an der Spitze. Eine C-Level-Position ist deutlich anders als die Rollen davor. Eine C-Level-Rolle wird mehr Einfluss auf Ihre Persönlichkeit nehmen, als Sie sich vorher vorstellen können, und damit auch mehr Herausforderung bieten.
Mit diesem Satz in unserer Coachingsequenz – „Selbstzweifel zeugen von Respekt vor der Rolle“ – und unserer Diskussion dazu war mein Klient sichtlich zufrieden, denn dieser Satz rückte auch bei ihm etwas zurecht. Und ich war an die Aussage meines Orthopäden erinnert, die mich in meinem Zögern vor einer OP so deutlich entlastet hat. Und zwar entlastet, ohne auszuschließen, dass ich diese OP in Angriff nehmen werde. Und wieder geht es um eine oft schon an dieser Stelle getätigte Einschätzung: Emotionen sind in der Führungsaufgabe die wichtigsten Signalgeber.
Eine gute Präsenz erfordert, egal in welcher Rolle Sie sind, vor allem, dass wir auch die unangenehmen Emotionen wahr- und vor allem ernstnehmen und dass wir diese Emotionen gut und konstruktiv zu deuten wissen.
Nutzen Sie Ihre Chancen und nutzen Sie auch Ihre Emotionen!